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Der Tod der Fantasie II

Was Ende Juli noch eine schlimme Vermutung war, wird langsam, aber sicher, Realität. Die Photokina wurde bis auf Weiteres ausgesetzt. Berlins Kultureinrichtungen bleiben bis Mitte Januar zu

Maren Zaidan, 30. November 2020 22:00 Uhr

Kultur nur noch in unserer Fantasie?

Manchmal möchte man am Ende nicht sagen können Hatte ich doch recht!. Vor 100 Jahren war Berlin eines der großen und herausragenden Kulturzentren der Welt. Vor 70 Jahren fand die erste Photokina statt. Berlin hat lange nicht mehr so viel glitzerndes Aufsehen erregt, wie in den goldenen 20-ern, aber es war weiterhin eine Stadt voller Kultureinrichtungen und -events. Die Photokina war ein renommierter Treffpunkt für Foto- und Videotechnikhersteller, Profi- und Hobbykünstler weltweit. Am Freitag öffnete ich meine E-Mails und erfuhr, dass die Photokina bis auf Weiteres eingestellt wird. Ein paar Stunden später berichteten die Nachrichten, dass die Kultureinrichtungen in Berlin bis Mitte Januar geschlossen bleiben müssen.

Die Foto- und Videobranche hatte in den letzten Jahren mit zweistelligen Umsatzeinbrüchen zu rechnen. In diesem Jahr allein lagen die Umsatzeinbrüche dann bei 50 Prozent. Das Ende der Photokina fällt den Veranstaltern schwer, aber es ist, wie vieles in diesem Land alternativlos. Es gibt wohl keinen Newsletter, indem wir lesen werden, dass alle oder die meisten Kultureinrichtungen Berlins ihren Betrieb einstellen. Zu den Kultureinrichtungen zählt alles von der Oper bis zum kleinen Puppentheater um die Ecke, welches gerade niemanden einfällt. Im ganzen Land ist eher die Rede von einer Verschärfung der Corona-Maßnahmen als von einer Lockerung. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass es Kultureinrichtungen außerhalb Berlins viel leichter gemacht werden wird. Vielleicht haben es die Einrichtungen der Hauptstadt sogar durch Tourismus und Bekanntheit relativ leicht wieder auf die Füsse zu finden im Vergleich zu anderen. Die kleinen, unbekannten Einrichtungen in den nicht touristisch belebten Städten, welche von Dauerticketabonnenten, Schulklassen und Gelegenheitsbesuchern leben und bisher bereits um ihr Überleben kämpfen mussten, werden es sehr schwer haben. Der Aufschrei wird sehr leise sein, wenn sie schließen.

Es sind die kleinen Kultureinrichtungen, die uns als Kind dazu bringen mehr als das Fernsehkinderprogramm als Unterhaltung zu sehen und Kunst mit Gesellschaftskritik in Verbindung zu bringen. Durch die Kultureinrichtungen aller Art werden Kinder und Jugendliche dazu gebracht, besser malen, singen, tanzen und schauspielen lernen zu wollen. Aber gut, wir verfolgen auch den Trend die Kinder überzutherapieren. Vielleicht brauchen wir keine Motivation, sondern einfach mehr Therapeuten. Diese werden vielleicht auch den ein oder anderen Zögling von „seinem Alter nicht gerecht entwickelt“ zu „hochbegabt“ fördern können. Oder wir senken wiedereinmal unsere Ansprüche, wie wir es bereits seit Jahrzehnten im Schulsystem machen. Es sind die verschwindend kleinen, unbedeutend wirkenden Einrichtungen, in denen die großen Künstler von morgen die ersten Techniken lernen und gefördert werden. Das ist der Grund, weshalb man sich manchmal fragt, weshalb im Kleinstadttheater regelmäßig landesweit bekannte Schauspieler auftreten. Leider habe ich bereits vor zehn Jahren für den Erhalt eines eben solchen Theaters unterschrieben. Wenn die Kultur wegbricht, wird der Lebensraum unattraktiv. Zu den Kultureinrichtungen zählt auch die Hip Hop Tanzschule und das Clubkino in dem das Ticket noch einen Euro kostet. Wo zieht man hin, wenn die eigene Heimat verödet? In die Großstadt. Über Mieten und Immobilienpreise müssen wir nicht sprechen.

Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem es, wie man an Berlin und der Photokina sieht, alle trifft, die kleinen und selbst die großen. Aus dem gefährlichen Trend gut ausgebildete, talentierte Künstler zu Stockart-Künstlern zu machen, welche konstant unterbezahlt werden, haben wir ein Kultursterben werden lassen. Die Medien und zugegebener Maßen, auch ich, diskutieren über die Cancel Culture und Politische Korrektheit, doch diese Diskussion ist hinfällig, wenn es keine Orte mehr gibt, an denen jemand etwas darstellen könnte, was anderen aufstößt. Wir werden entgültig zu einem fantasielosen, talentlosen und unkritischen Land.


Maren Zaidan
Bundesvorsitzende der Partei DIE FÖDERALEN